Insa Sjurts unterstützt mehrwertiges Unternehmertum und will mehr Frauen als Gründer sehen

Insa Sjurts ist Wirtschaftswissenschaftlerin und Präsidentin des Gründerzentrums der Zeppelin Universität Friedrichshafen (ZU). In den letzten Jahren lag ihr Hauptfokus auf dem Aufbau des Pioneer Ports  ,ein Gründerzentrum welches Studierenden die Möglichkeit gibt sich unternehmerisch zu betätigen. Aus der Gründungsuniversität ZU sind bereits zahlreiche, junge Unternehmen hervorgegangen. Von DeinBus, dem Wirtschaftsmagazin agora 42 über den  Elektro Roller Unu, werden eine Vielzahl an Startupthemen abgedeckt.

Wir wollten von Frau Sjurts gerne wissen, wie der Pioneer Port funktioniert, sie die Zukunft des Gründertums sieht und wie sie die Rolle weiblicher Gründerinnen auch im Bezug auf das Pioneer Port sieht.

 

Liebe Frau Sjurts, stellen Sie sich doch bitte einmal kurz vor und beschreiben sie ihren Werdegang.

Seit 01.04.2015 bin ich Präsidentin und Sprecherin der Geschäftsführung sowie Inhaberin des Lehrstuhls für Strategisches Management und Medien an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen am Bodensee.
Zuvor war ich von 2008 bis 2015 akademische Direktorin aller Studiengänge der Hamburg Media School und seit dem 1. Februar 2009 Geschäftsführerin der Hamburg Media School. Zugleich hatte ich den Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Medienmanagement an der Universität Hamburg inne, von 2000 bis 2006 den Stiftungslehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Medienmanagement an der Universität Flensburg.

 

Was genau ist der Pioneer Port und wie kam es zu der Idee für die Gründung des Pioneer Ports?

Die ZU versteht sich seit ihrer Gründung im Jahr 2003 als Gründeruniversität. Schließlich war sie damals selbst eine Neugründung. Und sie trägt den Namen eines bedeutenden Gründers der Luftfahrt, nämlich Ferdinand Graf von Zeppelin. Da lag es in der Natur der Sache, Gründungsaktivitäten unserer Studierenden aktiv zu unterstützen. Dies geschah von Beginn an, auf vielfältige Weise, mit sich weiter entwickelnden Konzepten und seit anderthalb Jahren ist die Gründerunterstützung mit der Einrichtung des PioneerPort auch institutionell sichtbar und fest an der ZU verankert.

Mit der Einrichtung des PioneerPort in Form eines Co-Working-Spaces an unserem SeeCampus haben wir dem Gründertum somit auch ein Gesicht gegeben. Neben der Förderung von studentischen Gründerteams sind wir zudem Impulsgeber und Partner für Corporates im Bereich Intrapreneurship und Gründertum. So befinden sich aktuell vier Corporates im PioneerPort.

Von der Konzeption bis zum Start des PioneerPort verging dabei nur knapp ein halbes Jahr. Seither steht die Entwicklung nicht still, wir wollen kontinuierlich vorankommen und uns einen sichtbaren Platz in der Szene schaffen. Wir sammeln laufend Erfahrungen, verbessern hier und optimieren da. Es ist ein laufender Prozess. Vor allem unser Netzwerk entwickelt sich hochdynamisch, der Kreis der Partner wächst schnell. Und so soll es weitergehen.

Pioneer Port Präsidentin Insa Sjurts

Wie genau läuft die Förderung ab?

Die studentischen Gründerteams, die ein zweistufiges Auswahlverfahren durchlaufen, haben die Möglichkeit, die Angebote des PioneerPort für sechs Monate zu nutzen. Nach dieser Zeit können sie sich einmalig um eine weitere sechsmonatige Verlängerung bewerben. Die Entscheidung über die Aufnahme trifft ein Auswahlgremium aus Beirat und Leitungsteam.

Die Förderangebote bestehen aus drei Säulen: Die erste Säule ist das PioneerDeck, also die CoWorking-Fläche des PioneerPort mit der für Gründungen notwendigen Infrastruktur. Hier treffen die Gründerteams auch auf unsere aktuell vier Corporate-Partner, nämlich Innovations- und Digitalabteilungen namenhafter Unternehmen aus der Region.

Die zweite Säule besteht aus unserem Shipyard, in dem die Gründerteams insgesamt sechs Workshop-Angebote zu gründungsrelevanten Themen erhalten. Hier geht es beispielsweise um Pitch Training, Finanzierung oder aber auch Rechtsberatung. Ergänzend haben wir mit unserem Gründercoach Thomas Brandt einen erfahrenden Unternehmer und ehemaligen Geschäftsführer der Zeppelin Luftschifftechnik an Bord, der in seiner Gründersprechstunde seine Expertise an die Teams weitergibt.

Abgerundet wird das Förderangebot durch die dritte Säule, die Kontaktvermittlung und der Zugang zu Netzwerken. Der PioneerPort unterstützt die Gründerteams mit der Vermittlung von Co-Foundern, von Pilotkunden oder durch den Zugang zu Projektpartnern.

 

Wie viele Startups sind schon daraus hervorgegangen und waren diese Startups auf ein bestimmtes Themengebiet spezialisiert, oder sind alle Themen gerne gesehen?

Als Gründeruniversität von Anfang an hat die ZU in ihrer kurzen Zeit des Bestehens schon mehr als 130 Gründerteams hervorgebracht, darunter auch Teams, die ganze Marktstrukturen durch ihre Idee – so wie DeinBus.de – verändert haben. Was die Branche angeht, sind unsere Gründerteams breit unterwegs. Das Ideenspektrum umfasst natürlich Online-Plattformen, aber auch die Produktion und den Vertrieb von Bekleidung bis hin zu Projekten, die weniger auf ökonomische Profitabilität abstellen als auf die Schaffung von gesellschaftlichem Mehrwert. Diese Breite und die Tatsache, dass wir bewusst „mehrwertiges“ Unternehmertum unterstützen und bei uns sehen wollen, macht das Gründerzentrum der ZU besonders. Unter „mehrwertigem“ Unternehmertum verstehen wir dabei jene Gründungsvorhaben, die sich sozialem und gesellschaftlichen Mehrwert verschreiben. Dass Gründungsmut und Gründungsvorhaben gerade auch in diesem Bereich wichtig sind, wird aus meiner Sicht viel zu oft vergessen oder nur am Rande betrachtet. Die ZU sieht sich der Gesellschaft verpflichtet, denn als private Universität verdankt sie sich der Gesellschaft und ihren Förderern. Hier wollen wir etwas zurückgeben. Auch mit unserem Gründerzentrum.

Räumlichkeiten des Pioneer Ports an der Zeppelin Universität

 

Die Frauenquote im Startup Bereich ist immer noch sehr klein, woran liegt das, wie kann man dies ihrer Meinung nach ändern und bieten sie eine spezielle Förderung für Frauen an?

Dieses Thema liegt mir besonders am Herzen, und wir gehen es wissenschaftlich und praktisch an. Aktuell bearbeitet eine Studierende aus dem PioneerPort- Leitungsteam genau dieses Thema in ihrer Bachelor-Arbeit wissenschaftlich. Und ganz praktisch planen wir eine Konferenz zum Thema „Female Founder“, um angehenden Gründerinnen Mut zu machen, ins Handeln zu kommen. Diese Konferenz wird von unserer studentischen Gründerinitiative Tatendrang organisiert und der PioneerPort unterstützt nach Kräften.

Außerdem überlegen wir ein „Gründerinnen-Stipendium“ aufzulegen, um so speziell Frauen in der Gründerszene zu motivieren und zu unterstützen. Das alles sind Maßnahmen, um Frauen für das Thema Gründen zu begeistern, Mut zu machen. Dass Frauen, wenn sie erst einmal gegründet haben, eine besondere Förderung brauchen, glaube ich dagegen nicht. Sie haben genauso viel Biss und Durchhaltevermögen wie männliche Gründer, manchmal vielleicht sogar noch mehr.

 

Welche Themen kommen ihrer Meinung nach in der Startup Welt zu kurz?

Aus meiner Sicht liegt aktuell der Blick immer noch zu sehr auf den ökonomisch spektakulären Modellen, auf denen, die schnell skalieren und in Kürze exorbitante Verkaufserlöse generieren. Oder auf den rule breaking models, die ganzen Branchen umwälzen. Sicherlich sind das spannende und wichtige Gründungsprojekte. Aber es gibt noch viel mehr und es gibt vor allem auch die wenig spektakulären Gründerideen, die auf soziale Innovation oder gesellschaftlichen Mehrwert zielen. Ich würde mir wünschen, dass diese viel mehr Beachtung finden. Leider ist das noch nicht so.

 

Welche Trends sehen sie in der Zukunft, also in welchen Bereich sollte man sich jetzt ansiedeln und bei welchen Themen ist der Markt ihrer Meinung nach schon gesättigt?

In einer immer komplexeren und dynamischeren Welt braucht es aus meiner Sicht zunehmend Funktionen, die Entlastung im Alltag bringen. Alles, was das Leben im Alltag erleichtert, macht Sinn und hat Perspektive. Viele Such- und Plattformideen knüpfen daran. Das hat weiter Konjunktur. Aber aus meiner Sicht auch alles, was dem Menschen in dieser anstrengend schnellen Umwelt Ruhebereiche und Entspannung ermöglicht. Ein bisschen mehr analog, sozusagen als Bio-Trend von morgen.

 

Noch ein letzter Tipp an zukünftige Gründer?

Eine Idee nicht einfach wegpacken, weil andere meinen, es ist verrückt. Gerade das ist oft der Anfang einer großen Geschichte. Siehe Graf Zeppelin.

Vielen Lieben Dank Frau Sjurts für das schöne Interview!

Auf der Seite des Pioneer Port findet ihr jede Menge weitere Infos zum Bewerbungsprozess und den hervorgegangenen Startups.