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Sponsored Post: Starte Dein Selbst? Die Idee der Selbstverwirklichung in der Startup-Szene

SPONSORED POST: Pioniergeist und die Idee, es mithilfe eigener Leistung und Anstrengung zu ansehnlichem Erfolg im Leben zu bringen, waren schon immer die Triebfedern hinter jeglichem unternehmerischen Handeln. In der Startup-Szene scheinen diese Säulen nun um eine weitere ergänzt zu werden: Die Selbstverwirklichung.

Die Idee der authentischen Selbstrealisierung scheint immer mehr junge Menschen dazu anzutreiben, die mit einer Festanstellung einhergehenden Sicherheiten zugunsten einer mehr oder weniger entgrenzten Arbeit im Rahmen eines Startups aufzugeben. Wo ehemals Eigenheim, Familie, Auto und Rente mit 65 den Inbegriff eines guten bürgerlichen Lebens darstellten, scheinen heute pure Zukunftsoffenheit, Risiko, Selbstbestimmtheit und Abenteuer sich als neue Handlungsorientierungen für die Arbeitswelt zu institutionalisieren. In diesem Artikel soll deshalb der Frage nachgegangen werden, inwieweit die Startup-Kultur so etwas wie Selbstverwirklichung tatsächlich fördert oder ob es sich dabei eher um ein leeres Versprechen handelt.

Arbeit, Selbstverwirklichung und gesellschaftlicher Wandel

Unternehmerisches Handeln, so wie wir es mehr oder weniger auch heute noch kennen, ist seit nunmehr gut zwei Jahrhunderten nicht nur ein probates Mittel der persönlichen und gesellschaftlichen Wohlfahrtssteigerung, sondern vor allem auch eine Tätigkeit, durch die man auf der Basis von individueller Leistung sowohl persönliche Bewährung im Leben als auch, und damit verbunden, soziale Anerkennung, auf die jeder Mensch als soziales Wesen unverzichtbar angewiesen ist, erlangen kann. Allerdings haben sich die gesellschaftlichen Ansprüche an Arbeit und Leistung – und damit eben auch an unternehmerisches Handeln bzw. an das Berufsbild des Unternehmers – im Zuge von komplexen Individualisierungsprozessen in den letzten rund hundert Jahren massiv gewandelt: Hat man früher noch „einen Beruf fürs Leben“ gelernt (weniger: gewählt), so stellt und schwört sich der Nachwuchs heute eher auf eine Art bunte „Patchwork-(Berufs-)Biographie“ ein.

Vorprogrammierte Lebenswege und festgefahrene Normalitätsvorstellungen von einem gelungenen Leben scheinen heute nichts weiter als ulkige Reminiszenzen an längst vergangenen Zeit zu sein; Zeiten, in denen die Individualität und Autonomie der Subjekte sich stets noch hinter dem Kollektiv zu positionieren und im Zweifelsfalle fragwürdigen Autoritäten zu beugen hatte. So wäre es beispielsweise komisch beziehungsweise nutzlos, einen mittelalterlichen Schmied oder Bauern danach zu fragen, wie er denn dazu gekommen sei, Schmied oder Bauer zu werden. Mit einer solchen Frage hätten die Protagonisten, ob Schmied oder Bauer, wohl nur schwerlich etwas anzufangen gewusst, hatte man sich doch in jenen Zeiten weniger für einen bestimmten Beruf autonom zu entscheiden als vielmehr sich den Umständen, in die man hineingeboren wurde, schlichtweg zu beugen: Der Sohn eines Bauern wurde Bauer, und der Sohn eines Schmieds eben Schmied – das wäre dann wohl auch das einzige, was sie auf die obige Frage sinnvollerweise hätten erwidern können.

Dies ist heute völlig anders. Heute geben sich Individualität und Autonomie im Schlagwort „Selbstverwirklichung“ die Hand, indem sie eine Kampfansage an nunmehr als überkommen geltende Vorstellungen von Arbeit und Leistung, aber auch von einem gelingenden Leben als solches richten. Dem Skandal-Tweet des (bald wohl ehemaligen) CDU-Generalsekretärs Peter Tauber – welcher wohlgemerkt promovierter Historiker ist -, dem zufolge derjenige keine drei Minijobs brauche, wer was Ordentliches gelernt habe, steht diese neue Bewährungsidee ebenso entschieden entgegen, wie der politisch landläufig kolportierten Aussage, man müsse die Menschen „in Arbeit“ bringen. Das Zentrum der Idee der Selbstverwirklichung bildet stattdessen das Ziel, dem Individuum möglichst viele Möglichkeiten bereitzustellen, sein Leben auf eine authentische Weise gestalten und verwirklichen zu können. Und dazu gehört eben auch, autonom entscheiden zu können, was man mit seinem beruflichen und persönlichen Leben gerne anstellen, und damit ebenfalls zusammenhängend, welchen Beitrag man zur Gemeinschaft, in der man lebt und die einem derartige Entfaltungschancen überhaupt erst gewährt, leisten möchte. Die Idee der Selbstverwirklichung bedeutet insofern keinen Egotrip, sondern steht für die Emanzipation des Subjekts aus und dessen Schutz vor ungerechtfertigten Herrschafts- und Autoritätsverhältnissen, seine Befreiung aus irrationalen Zwängen, die Entzauberung von seine Sicht trübenden ideologischen Schleiern sowie ganz grundsätzlich für die Errichtung gesellschaftlicher Verhältnisse, die jedem Bürger und jeder Bürgerin die Chance auf ein authentisches Leben bereitstellen, aber – und das ist der springende Punkt – dem Subjekt zugleich eben auch eine im Rahmen seiner jeweiligen Möglichkeiten auf Dauer gestellte, gewissenhafte und aktive Beteiligung an der Etablierung solch emanzipatorischer Rahmenbedingungen abverlangen. Das freigesetzte, autonome Subjekt ist stets und zugleich ein politisch engagiertes – worin auch immer dieses Engagement im Einzelfall konkret bestehen mag.

Nun hat wohl keine berufliche Kultur – mit Ausnahme vielleicht des Künstlermilieus, das hier womöglich als latentes Vorbild diente – diese Vorstellung mehr verinnerlicht und ihr mehr Ausdruck verliehen als die moderne Startup- und sogenannte Kreativbranche. So scheint es den darin agierenden, jungen Unternehmerinnen und Unternehmern sowie einfachen Angestellten und Freelancern weniger darum zu gehen, ihr ganzes Leben dem Auf- und Ausbau eines bestimmen Geschäfts zu widmen oder irgendwie in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten, sondern vielmehr darum, sich auf eine Suche nach immer neuen Möglichkeiten der Selbstrealisierung und -entfaltung zu begeben, sich aufzumachen auf eine nie wirklich endende Reise, mit dem Ziel, vor allem über die jeweilige unternehmerische – oder allgemeiner: berufliche – Tätigkeit einen möglichst authentischen Lebensweg zu beschreiten, der de facto keine zeitliche, räumliche oder sachliche Bindung mehr a priori voraussetzt. Um dies im nächsten Schritt zu verdeutlichen und später vor allem auch die Frage diskutieren zu können, inwieweit die Startup-Kultur tatsächlich so etwas wie Selbstverwirklichung ermöglicht und fördert, wollen wir uns nun einmal genauer anschauen, was diese recht junge Unternehmerwelt „im Innersten zusammenhält“.

Strukturmerkmale von Startups

Seien wir ehrlich: Wir alle können wohl mindestens ein Startup beim Namen nennen, das es in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren auf die Liste der erfolgreichsten Unternehmen respektive der damit verbundenen Geschäftsideen geschafft hat. Uber, Snapchat, Airbnb, Zalando oder Freeletics sind nur einige dieser neuen wirtschaftlichen „Player“, die auf eine besonders eindrucksvolle Art und Weise der ganzen Welt vor Augen geführt haben, wie das Spiel mit der einfachen Idee, die innerhalb nur weniger Jahre bereits Millionen oder gar Milliarden Dollar/Euro schwer werden kann und soll, idealiter zu spielen ist. Sie haben zugleich Millionen junger Menschen dazu inspiriert, es ihnen gleich zu tun. Das Bild, mit einem Laptop und einem Kaffee/Latte ausgestattet, in einem Straßencafé oder einem Coworking Space zu sitzen und an einer neuen, selbstverständlich bahnbrechenden App oder sonstigen Software zu tüfteln, ist dabei zu einer Art perfekten Traumvorstellung in den Köpfen der Angehörigen dieser, häufig auch als „digital natives“ bezeichneten, Generation avanciert, der sie nunmehr, wie das Pferd der Karotte an der Angel, unermüdlich und doch vergeblich hinterherjagen. Aber was genau macht diese Jagd eigentlich so attraktiv? Wie kann es sein, dass Schlafen im Büro und Arbeitszeiten à la 24/7 zu einer Art erstrebenswertem Lifestyle werden konnten?

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Die Bandbreite und Vielfalt der Ideen in der Startup-Szene ist unglaublich groß. Sei es die Online-Bürosuche, der Sprachenlernassistent oder die neue Fitness- oder Fahrdienstapp – in der digitalen Startup-Welt scheint es nichts zu geben, was man mit ein bisschen Einfallsreichtum nicht in eine kecke Geschäftsidee verwandeln und auf Basis eines ausgeklügelten Algorithmus, dessen Entwicklungskosten wohl nicht mehr als einige hundert Latte Macchiatos hoch sein dürften, in Form einer App auf den Markt werfen könnte. Damit haben wir bereits ein zentrales Definitionsmerkmal eines Startups vor uns: Ein Startup bietet eine innovative Problemlösung beziehungsweise eine innovative Geschäftsidee an. Allein das zu sehen, ist bereits sehr wichtig, denn nicht jedes neugegründete Unternehmen – was der Name Startup ein Stück weit ja auch suggeriert – ist ein Startup. Weder ein Tischler oder ein Bauunternehmer, der einen Handwerksbetrieb bei der Handwerkskammer anmeldet, ein freiberuflich sich selbstständig machender Rechtsanwalt, Texter oder Arzt noch ein Franchisenehmer sind deshalb im engeren Sinne Startup-Gründer. Sie alle starten, wenn man so will, zwar neue Unternehmen beziehungsweise Unternehmungen; allerdings sind ihre Ideen nicht innovativ. Vielmehr greifen sie bereits bewährte Berufskonzepte und Geschäftsideen auf und versuchen damit auf bereits bestehenden Märkten sich gegen die bereits bestehende Konkurrenz durchzusetzen.

Demgegenüber kann ein Franchisegeber beispielsweise durchaus ein Startup-Gründer sein, weil es sich dabei eben oft um eine innovative Idee handelt, die dahinterliegt. Hier gibt es noch keinen oder nur einen, sich gerade erst in der Konstitution befindenden Markt mit wenigen Akteuren, der vielleicht zunächst eher langsam, dann jedoch sehr schnell zu wachsen beginnt. Und damit sind wir auch schon beim zweiten Definitionsmerkmal von Startups angelangt: Startups basieren nicht nur auf einer noch nie dagewesenen Idee, sondern verfolgen insbesondere auch das Ziel, möglichst schnell zu wachsen. Auch das ist ein Merkmal, das den klassischen Berufen und Märkten fehlt: Ein Rechtsanwalt, der sich selbstständig macht, möchte sich natürlich auch am Markt etablieren und Erfolg haben; jedoch sind seine Bemühungen zunächst einmal auf eine gewissenhafte Erfüllung seiner Pflicht und den Aufbau eines soliden Kundenstamms sowie einer guten Reputation ausgerichtet, nicht aber auf möglichst schnelles Wachstum. Startup-Gründer möchten ihre Idee demgegenüber so schnell es geht nicht nur marktreif machen, sondern eben auch ihren Wert in die Höhe schnellen lassen, um sie am antizipierten Entwicklungs-Peak entweder für eine möglichst hohe Summe von einem etablierten Unternehmen einfach übernehmen zu lassen, ein anderes Unternehmen daran zu beteiligen oder aber, um mit der offensichtlich erfolgreichen Idee den Börsengang zu wagen und gleichsam eine zweite Wachstumsphase einzuleiten. Innovative Ideen und schnelles Wachstum sind demnach die zwei Hauptkennzeichen von Startups.

Was die Innovationskraft dieser Unternehmenskonzepte angeht, ist des Weiteren noch zu sagen, dass Startups oftmals auch als „disruptiv“ bezeichnet oder im Zusammenhang mit sogenannten „disruptiven Technologien“ in Zusammenhang gebracht werden. „Disruptiv“ bedeutet in diesem Fall, dass es sich um solche Innovationen handelt, die das Potenzial haben, bestehende Produkte, Technologien oder Dienstleistungen vollständig vom Markt zu verdrängen; sie setzten sozusagen komplett neue Standards. Ein gutes Beispiel sind hier etwa die sogenannten Flash-Speicher, die aufgrund ihrer kleinen Größe und schnellerer Geschwindigkeit klassische Harddisk-Festplatten zunehmend ersetzen und somit obsolet werden lassen. Da sie in immer mehr Geräten Verwendung finden, können die entsprechenden Hersteller immer mehr Profit generieren und in die Entwicklung ihrer Produkte reinvestieren, wodurch diese sukzessive besser werden und den „Untergang“ der klassischen Festplatte immer zuversichtlicher herausbeschwören.

Im Grunde können Startups also zwar in jeder erdenklichen Branche entstehen und sich bewähren. Gleichwohl sieht die Realität derzeit so aus, dass die meisten von ihnen vor allem im Bereich der Spitzentechnologien agieren und hier insbesondere im digitalen Sektor gedeihen. Die Startup-Kultur und das Internet respektive die „digitale Welt“ gehören von daher mehr oder weniger unauflöslich zusammen. Wollte man hier typische Branchen nennen, so müsste man insofern vor allem den Onlinehandel, die Fin-, Prop-, Nano- und Biotech-Branchen sowie die Luft- und Raumfahrttechnik auflisten. Es ist schließlich in diesem Kontext hervorzuheben, dass der „Lebenssaft“ vieler Startups typischerweise aus Daten besteht. Dieser „Rohstoff des 21. Jahrhunderts“, wie es landläufig immer wieder heißt, macht es möglich, milliardenschwere Unternehmen mehr oder weniger aus dem Boden zu stampfen, ohne dass eine teure und üppige materielle Infrastruktur vonnöten wäre. So hat etwa Uber keine eigenen Fahrzeuge und Airbnb keine eigenen Hotelzimmer, und dennoch haben es beide Unternehmen geschafft, ihre jeweilige Branche ganz im Sinne der oben genannten Definition disruptiv völlig umzukrempeln.

Neben den zwei oben bereits ausführlich behandelten Hauptmerkmalen von Startups, nämlich der innovativen Idee/Problemlösung und dem Ziel, schnell zu wachsen, darf ein weiteres wichtiges Merkmal jedoch nicht vergessen werden: Die besondere Art der damit verbundenen Finanzierung. Die Finanzierung eines Startups findet typischerweise in mehreren, auf einander aufbauenden Stufen statt. Am Anfang, wo gerade erst die Geschäftsidee geboren wird, steht meist die Finanzierung aus eigenen Mitteln. Diese dürfte dabei in den meisten Fällen nicht allzu kostenintensiv ausfallen, da häufig die größte Investition der Laptop darstellt. Hinzu kommen dann natürlich noch laufenden Kosten für Lebensmittel, Kleidung und Wohnen. Anschließend können Zuschüsse durch Familienmitglieder oder durch Crowdfunding-Aktionen hinzutreten. Letztere stellen eine sehr typische Finanzierungsoption für Startups dar, da Kreditgewährung durch konventionelle Banken aufgrund der Mittellosigkeit vieler, teilweise noch sehr junger Startup-Unternehmer relativ aussichtslos und angesichts der vergleichsweise niedrigen Investitionskosten auch nicht wirklich notwendig ist – es sei denn natürlich, das Startup hantiert mit sehr teuren Technologien, die entsprechend finanziert werden müssen. Ist die jeweilige Idee sodann zu einer gewissen Reife gelangt, treten vermögende Privatiers mit entsprechenden Investitionsmöglichkeiten (oftmals selbst erfolgreiche Startup-Gründer) auf den Plan und beginnen, sich am noch jungen Startup zu beteiligen. Diese Beteiligungen nennt man in der Fachsprache auch „Seed-Investitionen“. Die Hoffnung der Seed-Investoren liegt dabei darin, dass sie nach Börsengang oder im Zuge der der Übernahme des Startups, in das sie ihr Geld fließen lassen, einen, ihren Investitionen korrespondierenden Gewinn einstreifen. In der nächsten Phase erfolgen dann noch größere Investitionen durch noch größere Akteure wie etwa Kapitalgesellschaften. Der jeweilige Gründer gibt somit im Laufe des Etablierungsprozesses seiner Unternehmung sukzessive Unternehmensanteile ab. Ist das Produkt, die Dienstleistung oder die Technologie schließlich zur Marktreife gelangt, rückt der sogenannte »Exit« in greifbare Nähe. Hier geht es nur noch darum, das sich bewährende Startup entweder an der Börse weiter zu kapitalisieren oder es zu für alle bisher daran Beteiligten äußerst lukrativen, häufig mehrstelligen Millionensummen, an andere Unternehmen zu verkaufen.

Selbstverwirklichung in der Startup-Kultur: Ein kapitalistischer Bluff?

Kommen wir nun zu unserer Ausgansfrage und -thematik zurück. Wie steht es nun um die Selbstverwirklichungschancen und -versprechen in der Startup-Kultur? Zunächst einmal können wir nach allem, was bisher geschildert wurde, ziemlich konkret feststellen, dass auch Startups in erster Linie wirtschaftliche Unternehmen sind, die als oberstes Ziel eine Gewinnmaximierung anstreben. Letzteres vielleicht sogar in einer, im Vergleich zu »klassischen« Unternehmen besonders radikalen und purifizierten Art. Denn das oberste Ziel der meisten Startups – wohlgemerkt: keineswegs aller, denn auch hier gibt es Akteure, die dezidiert Nachhaltigkeit in den Vordergrund stellen – ist es eben, ein möglichst schnelles Wachstum zu generieren und das marktreife Unternehmen am Ende möglichst teuer zu verkaufen. In diesem Bereich der Startup-Welt werden wir folglich eher vergeblich nach Chancen zur Selbstverwirklichung suchen. Wie auch in anderen Bereichen der Wirtschaft sind oder werden hier die Möglichkeiten in dieser Hinsicht nur insoweit eröffnet, als dass das oberste Ziel der Profitmaximierung dadurch nicht gefährdet wird. Selbstverwirklichung umfasst in dieser Perspektive demnach all diejenigen Bemühungen der individuellen Akteure, die sich »in the long run« kapitalisieren und buchstäblich zu Geld machen lassen. Dies ist keine neue Erkenntnis, sondern eine, die schon in der ersten Blühtephase der kapitalistischen Ära gegen Mitte des 18. Jahrhunderts insbesondere von Karl Marx gewonnen wurde, welcher seines Zeichens bezüglich der Autonomie des Arbeiters bekanntlich sinngemäß sagte, dass dieser frei nur insofern sei, als dass es ihm freistünde seine „Haut zu Markte zu tragen“. In die gleiche Kerbe, nur etwas differenzierter, schlagen ferner etwa auch der Sozialphilosoph Axel Honneth mit seinem Begriff der „Paradoxie der Selbstverwirklichung“ oder die französischen Sozialwissenschaftler Luc Boltanski und Ève Chiapello in ihrem Werk „Der neue Geist des Kapitalismus“. In beiden Fällen geht es darum, dass Versprechen der Selbstverwirklichung und Individualisierung, die aus der Wirtschaft kommen, sich stets gewissermaßen in ihr Gegenteil verkehren, da sie nur unter dem Vorwand getätigt werden, in Wirklichkeit doch nur die Arbeitskraft der jeweiligen Akteure möglichst erschöpfend auszubeuten. Selbstverwirklichung wird so zur unausgesprochenen Anforderung, ja im Grunde zum Imperativ, der da besagt: „Sei flexibel, innovativ und kreativ!“ All dies führt jedoch im Endeffekt nicht etwa dazu, dass das arbeitende Subjekt tatsächlich seine ureigenen Potenziale, Talente und Wünsche authentisch ausleben und zum Ausdruck bringen kann, sondern, dass es – obschon im Bewusstsein ganz authentisch und selbstverwirklichend zu agieren – eigentlich völlig unfrei ist und sich selbst nur freiwillig ausbeutet.

Eine Ähnliche Argumentation findet sich beispielsweise auch bei Voß/Pongratz und ihrer These vom „Arbeitskraftunternehmer“. Auch diesem Modell zufolge wähnt sich der moderne, selbstverwirklichende Arbeiter im Bewusstsein größter Freiheiten: Er bestimmt vermeintlich über seine Arbeitszeit und seinen Arbeitsort, und mit seinem Vorgesetzten ist er selbstverständlich per Du; er arbeitet in spannenden Projekten, ist kreativ und selbstbestimmt. Das ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite besteht darin, dass obschon er seine Arbeitszeiten und -orte relativ frei wählen kann und obschon er mit seinem Chef per Du ist sowie kreativ und innovativ sein darf, er am Ende des Tages dennoch ganz klar liefern muss: Überschreitet er die Deadline eines Projektes oder erreicht damit nicht die erwünschte Rendite, so wird er sich fortan und obwohl er doch mit seinem Vorgesetzten per Du ist, trotzdem nach einer neuen Beschäftigung umsehen müssen. Oder, was auch häufig genug vorkommt, gerade weil er mit seinem Boss so freundschaftliche Beziehungen unterhält, wird er hin und wieder sich ganz freiwillig und ohne finanzielle Entschädigung zu verlangen, dazu breitschlagen lassen, die eine oder andere Sonderaufgabe zu übernehmen oder mal das Wochenende durchzuarbeiten.

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Das sind recht düstere, aber keinesfalls aus der Luft gegriffene Befunde. Und sie scheinen definitiv auch zumindest auf einen Teil der neuen Arbeitskultur im Bereich von Startup-Unternehmen übertragbar zu sein. So ist diese Arbeitskultur, wie bereits angedeutet, ebenfalls dadurch gekennzeichnet, dass sie einerseits authentische Selbstverwirklichung verspricht, andererseits jedoch aufgrund der latent fortbestehenden ökonomischen Zwänge diese auch wieder erheblich einschränkt. Wir alle kennen die Geschichten aus dem Silicon Valley, wo man morgens Billiard spielt, mittags ausgelassen im Pool planscht und abends vegane Hamburger und leckere Cocktails genießt, während man die verbleibenden Zwischenräume beinahe zufällig mit Kreativität und gelegentlicher Arbeit füllt. Und wir alle kennen auch das wahre Gesicht dieser Veranstaltungen: Letzten Endes tauscht man sein Privatleben schlichtweg durch das berufliche aus; man wohnt, isst und vergnügt sich nur noch im arbeitsweltlichen Kontext, wodurch die Arbeit im Grunde genommen auch nie stillgestellt ist; trotz der oberflächlichen Annehmlichkeiten arbeitet man schließlich ja dennoch irgendwie immer und überall. Ob das noch wahre Selbstverwirklichung ist? Das kann hier offenbleiben. Aber es erklärt jedenfalls, warum so viele Menschen sich von diesem Lifestyle angezogen fühlen.

Nun darf man natürlich aber auch nicht einseitig sein und vergessen, dass es bei diesem Thema durchaus auch eine andere Sichtweise gibt. So erfordern viele innovative Startup-Ideen beispielsweise ein enormes technisches respektive grundsätzlich fachliches Know-how. Viele Startup-Gründer sind wahre „Nerds“ auf ihren jeweiligen Gebieten; sie sind leidenschaftliche Tüftler, Denker und Praktiker, die das, was sie machen, tatsächlich als „ganze Personen“ und eben nicht nur als Rollenträger tun – auch wenn sie am Ende des Tages mit diesem ihrem Tun natürlich auch irgendwie Profit machen möchten. Aber dies ist ja grundsätzlich auch nichts Verwerfliches. Und da es uns auch schließlich vielmehr um die Frage geht, inwieweit es sich bei der Startup-Kultur um „wirkliche“ Selbstverwirklichung handelt, kann man insofern konstatieren, dass solche Menschen sich sicherlich auch im Rahmen ihrer jeweiligen beruflichen Tätigkeit tatsächlich verwirklichen oder zumindest die Chance dazu haben. So spricht eben für diese Argumentation auch, dass viele Startup-Akteure unter anderem auf lukrative Einkommensmöglichkeiten im Rahmen „normaler“ Beschäftigungsverhältnisse ganz bewusst verzichten, um aus purer Neugier am Erfinden und Gründen sich an einem Startup-Unternehmen zu beteiligen. Viele von ihnen sind dabei promovierte und damit hervorragend ausgebildete, junge Menschen, die in anderen Kontexten teilweise problemlos ein Vielfaches an Einkommen erzielen könnten und dabei auch noch signifikant mehr Freizeit übrig hätten.

Und dennoch: Letztlich muss man sich immer wieder klar machen, dass das moderne Projekt der Selbstverwirklichung eben nicht nur auf das berufliche Handeln einer Person bezogen sein beziehungsweise nicht bloß in der Arbeitswelt verfolgt werden kann, sondern ein Leben immer als Ganzes betrifft. Und dann geht es nicht nur darum, eine innovative Idee marktreif zu bekommen und für möglichst viel Geld zu verkaufen – so viel Spaß das auch durchaus machen kann -, sondern vielmehr darum, sich zu überlegen, was man mit seinem Leben grundsätzlich anfangen möchte und wie man seine Talente und Fähigkeiten nicht nur zum eigenen Vorteil, sondern auch zum Vorteil der Gemeinschaft, in der man lebt und die auch die Grundlage für die Gemeinschaft darstellt, in der die eigenen Kinder einst leben werden, einsetzen kann.